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Neue Studie: Fairtrade stärkt Resilienz und Nachhaltigkeit von Kleinbäuer:innen

In Zeiten globaler Krisen profitieren Fairtrade-zertifizierte Kleinbäuer:innen von stärkeren Kooperativen-Strukturen, besserer wirtschaftlicher Widerstandsfähigkeit, höherem sozialen Wohlergehen, ökologischer Nachhaltigkeit und gute Organisationsführung. Dies geht aus einer neuen Studie hervor.

Starke Kooperativenstrukturen und Beratung fördern die Resilienz von Bäuerinnen und Bauern. Z.B. in Ghana im Kakaoanbau. Foto: Fairpicture/Nipah Dennis/Fairtrade

Die Studie untersuchte, wie sich die Fairtrade-Zertifizierung und -Programme auf die Mitglieder zertifizierter Kooperativen und ihre Gemeinden im Vergleich zu nicht-zertifizierten Organisationen auswirken. Die Studie ist die jüngste im Rahmen einer Langzeituntersuchung, die die Entwicklung von Fairtrade-Kooperativen dokumentiert. Durch Besuch der Produzentenorganisationen alle fünf Jahre erhielten die Forscherinnen Einblicke in sich verändernde Bedingungen und Perspektiven der Bananen- und Kaffee-Kooperativen in Peru sowie Kakao-Organisationen in Ghana. Neben den positiven Ergebnissen warnt die jüngste Studie, dass zunehmende existenzielle Stressfaktoren, wie die Klimakrise, COVID-19 und Druck auf die Preise die Errungenschaften der Fairtrade-Kooperativen zu untergraben drohen und ihre Existenzgrundlage gefährden.   

«In Krisenzeiten zeigt sich, dass Fairtrade die wirtschaftliche Resilienz der Bäuer:innen stärkt und sie dabei unterstützt, ihren Beruf auch in schwierigen Zeiten auszuüben», so Tatjana Mauthofer, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Mainlevel Consulting und Mitautorin der Studie. «Die Studie zeigt, dass die beiden Fairtrade-Mechanismen - Mindestpreis und Prämie - ein entscheidendes Sicherheitsnetz für sie, ihre kleinbäuerlichen Organisationen und letztendlich auch für ihre Gemeinden darstellen.»

Fairtrade sprach mit den Autorinnen der Studie, Tatjana Mauthofer und Millie Santos von Mainlevel Consulting über die Ergebnisse der Studie und über den Mehrwert von Fairtrade bei der Sicherung eines angemessenen Lebensunterhalts von Bäuer:innen. 

Die Studie kommt zum Ergebnis, dass Fairtrade-zertifizierte Kooperativen in vielen Bereichen der Nachhaltigkeit und Resilienz besser abschneiden als Nicht-Fairtrade-Kooperativen, was auch auf die beiden vorangegangenen Studien zutrifft. In den vier Hauptbereichen, die in dieser Studie untersucht wurden - wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit, soziales Wohlergehen, gute Führung von Kooperativen und ökologische Integrität - wo sehen Sie die grössten Vorteile?

Tatjana Mauthofer: Im Laufe der Jahre haben eine Reihe von Studien gezeigt, dass Fairtrade-Bäuerinnen und -Bauern erheblichen Herausforderungen ausgesetzt sind, die durch externe Ereignisse und Bedingungen verursacht werden: Naturkatastrophen wie das El-Niño-Phänomen, das auch die Bananenorganisationen in Nord-Peru traf, das Auftreten von Schädlingen und Pflanzenkrankheiten wie «La Roya» (Kaffeerost), die den Kaffeeanbau  im peruanischen Amazonasgebiet schwer schädigten, Schwankungen auf dem Weltmarkt, die sich auf die Kakao-Produzent:innen in Ghana auswirkten, und erst kürzlich die COVID-19-Pandemie – eine Herausforderung für die gesamte Weltgemeinschaft. Einer der Hauptvorteile des fairen Handels besteht darin, dass er die Möglichkeit bietet, resiliente, also widerstandsfähige Erzeugerorganisationen und Gemeinschaften aufzubauen. Die Studien zeigen, dass die beiden Fairtrade-Mechanismen - der Mindestpreis und die Prämie - ein entscheidendes Sicherheitsnetz für die Bäuer:innen, ihre Organisationen und schliesslich auch für ihre Gemeinschaften darstellen. In Krisenzeiten wird deutlich, dass Fairtrade die wirtschaftliche Resilienz der Bäuer:innen stärkt und sie dabei unterstützt, ihren Beruf auch in schwierigen Zeiten auszuüben. Gleichzeitig dürfen wir die düstere Realität nicht vernachlässigen, dass die Gewinne und die Widerstandsfähigkeit der Bauern in den letzten Jahren durch drei grosse Bedrohungen gefährdet wurden: den Klimawandel, die COVID-19-Pandemie und die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse, die zu niedrig sind, um die steigenden Kosten der Landwirtschaft und des täglichen Lebens zu decken. 

Wie Sie sagen, hebt die Studie besonders den Beitrag des Fairen Handels zur wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit hervor, z.B. durch bessere Preise und stärkere Sicherheitsnetze. Was sind Beispiele dafür, wie die Kooperativen in der Studie durch COVID-19, den Klimawandel und steigende Kosten beeinträchtigt wurden? 

Millie Santos: Die COVID-19-Krise hat weltweit zu Herausforderungen und wirtschaftlichen Belastungen geführt, die sich auf die Akteur:innen entlang der drei Wertschöpfungsketten [Bananen und Kaffee in Peru und Kakao in Ghana, Anm. d. Red.] negativ auswirken. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass auf Produzentenebene die Instabilität des Marktes, geringere Verkaufszahlen aufgrund von Einfuhrbeschränkungen sowie steigende Produktionskosten und vor allem knappe und teurere Arbeitskosten zu negativen Einkommenseffekten führten. Ausserdem erhöhte die weltweite Pandemie das Risiko für die eigene Gesundheit der Bäuer:innen und führte zu steigenden und unvorhergesehenen Ausgaben für Gesundheits- und Hygienemassnahmen. Die Studie ergab auch, dass im Fall von Kaffee Mitglieder der Leitung der Genossenschaft an den Folgen von Covid-19 verstorben sind. Ein sehr besorgniserregender Befund ist, dass die Ernährungsunsicherheit, insbesondere bei Nicht-Fairtrade-Kaffee- und Kakao-Produzent:innen angesichts des derzeitigen Anstiegs der Lebenshaltungs- und Produktionskosten, der sich negativ auf das verfügbare Endeinkommen auswirkt, anscheinend zunimmt.  
Auch der Klimawandel wurde angesichts der negativen Auswirkungen auf die Produktion und damit auf das Einkommen und den Lebensunterhalt als grosse Bedrohung identifiziert. Durch den Klimawandel verursachte Krisen wie «La Roya» [der so genannte Kaffeerost, eine Pilzerkrankung, Anm. der Red.] und unvorhersehbare heisse und feuchte Perioden wirken sich negativ auf die Produktqualität und das Produktivitätsniveau aus und führen zu einer erhöhten sozioökonomischen Verletzbarkeit der Produzent:innen. Aus diesem Grund wurden Produkt- und Einkommensdiversifizierung als Mechanismen identifiziert, um die Abhängigkeit vom Anbau von Bananen, Kaffee und Kakao zu verringern. 

Neben der Pandemie und dem Klimawandel weist die Studie auf die gemeinsame Herausforderung hin, dass Kosten für Lebensunterhalt und Landwirtschaft rapide steigen und Preise, die Bäuer:innen tatsächlich erhalten, stagnieren oder sogar sinken - zumindest gilt dies im Bananenanbau. Dies hat direkte Auswirkungen auf die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit. Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Resilienz und den anderen von Ihnen untersuchten Bereichen? Zum Beispiel scheint Good Governance, also gute Führungsstrukturen, in engem Zusammenhang mit wirtschaftlicher Resilienz zu stehen - was haben Sie bei den Genossenschaften in dieser Studie beobachtet? 

Tatjana Mauthofer: Die Bäuer:innen in allen drei Produktbereichen und auch ihre Genossenschaften sind sehr preissensibel. Während die Kaffee- und Kakao-Organisationen in den letzten Jahren steigende Preise verzeichnen konnten, stagnieren die Preise für Bananen aufgrund des Wettbewerbsdrucks durch Grossabnehmer und Einzelhändler. Die Studie bestätigt, dass der weltweite Preisdruck auf Bananen von den kleinbäuerlichen Erzeugerorganisationen in Nord-Peru stark zu spüren ist. Zum Zeitpunkt der Studie deckten die für Bananen erzielten Preise bei vielen der befragten Produzent:innen kaum oder gar nicht die Produktionskosten. Die Situation scheint sich in Zeiten von COVID-19 verschlechtert zu haben, da die Transport-, Arbeits- und Lebenshaltungskosten für landwirtschaftliche Betriebsmittel gestiegen sind. 

Um die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit zu verbessern, sind Marktpositionierung und Verkaufsbeziehungen von entscheidender Bedeutung, und in der Tat erhielt die stärkste untersuchte Bananen-Organisationen einen wesentlich höheren Durchschnittspreis als jene ohne Zertifizierung oder solche, die erst kürzlich zertifiziert worden waren. 

Die wirtschaftliche Stabilität ist eng mit anderen Nachhaltigkeitsdimensionen verknüpft. Bäuer:innen, die über vergleichsweise bessere finanzielle Mittel verfügen, haben ein höheres soziales Wohlergehen und werten sich und ihre Gemeinden auf. Gleichzeitig führen solide Governance-Strukturen zu professionelleren Geschäftsabläufen, verbesserter Stabilität in Bezug auf die Mitgliederzahl und tragen somit zur wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit bei. Umgekehrt kommt es bei zertifizierten und nicht zertifizierten Genossenschaften, die in einer Situation des globalen Wettbewerbs um ihr Überleben kämpfen, zu einer spürbaren Schwächung der demokratischen Prozesse und zur Selbstauflösung der Genossenschaften oder zum Verlust ihrer Zertifizierungen. 

Diversifizierung wird in der Studie immer wieder als wichtiger Aspekt wirtschaftlicher Resilienz genannt, da Bäuer:innen dann besser geschützt sind vor globalen Preisschwankungen und zu grosser Abhängigkeit von nur einer einzelnen angebauten Kultur – auch was das Risiko eines Totalverlusts dieser Kultur durch den Klimawandel angeht - und da Diversifizierung auch die Ernährungssicherheit verbessern kann. Die Produzent:innen in der Studie befinden sich in unterschiedlichen Stadien dieses Prozesses: Bis zu 25 Prozent der Kakaobäuer:innen haben bereits Diversifizierungsmassnahmen ergriffen, während dieser Prozentsatz im Bananen- und Kaffeeanbau bislang viel geringer ist. Wie erklären Sie sich das, und welche Beispiele aus der Studie sind möglicherweise nachahmenswert?

Millie Santos: Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Produkt- und Einkommensdiversifizierung ein zentraler Mechanismus ist, um die Vulnerabilität der Bäuer:innen und ihrer Organisationen zu verringern. Im Fall von Kakao zeigen Schätzungen, dass etwa 20 bis 25 Prozent der Bäuer:innen zusätzliche Einkommensquellen erschliessen. So wurden beispielsweise von den Kooperativen in Zusammenarbeit mit internationalen Gebern oder Nichtregierungsorganisationen [NGOs] Schulungen zur Yamsproduktion und zum Reisanbau organisiert, um die Einkommensdiversifizierung insbesondere für Frauen zu fördern. Im Bananenanbau wird aber trotz der spürbaren Auswirkungen des Klimawandels nur selten eine Produktdiversifizierung praktiziert, da sich die Produzent:innen grösstenteils ausschliesslich dem Bananenanbau widmen. Bananen wachsen und reifen das ganze Jahr über, so dass eine Diversifizierung sehr kostspielig sein kann und zusätzliches Know-how und zusätzliche Arbeitskräfte erfordert. Im Fall von Kaffee hat die untersuchte Fairtrade-Kooperative Unterstützungsmassnahmen wie Bienenzucht, Fischzucht sowie die Vergabe von Kleinkrediten an die Mitglieder für die Tierhaltung oder andere Subsistenzkulturen als Mittel zur Diversifizierung der Einkommensquellen initiiert. 

Nachahmenswerte Praktiken wurden im Sankofa-Projekt in Ghana ermittelt, das darauf abzielt, die Produktion von Kakao, Holz, Biomasse und Obstbäumen, Yamswurzeln und anderen verwandten Kulturen zu integrieren, um gleichzeitig Einkommen, Nahrungssicherheit und Ernährung zu verbessern. Nach einer ähnlichen Strategie unterstützt die in Peru untersuchte Fairtrade-Kaffeeorganisation ein Forschungsprojekt zur Fischvermehrung, um das Potenzial der Fischzucht als neue Einkommensquelle mit zusätzlichen positiven Nebeneffekten für eine bessere Ernährung zu verstehen. 

Fairtrade ist nicht nur ein Wertesystem, es ist auch ein Aufruf zum Handeln. Ihr Bericht enthält einige Empfehlungen, wie Genossenschaften - und auch die Unternehmen, die von dort beziehen, sowie Fairtrade-Produzentennetzwerke - den jüngsten Problementwicklungen entgegenwirken können. Können Sie erläutern, was Sie für die wichtigsten dieser Empfehlungen halten und wie sie sich auswirken können?

Tatjana Mauthofer: In Anbetracht des breiten Umfangs der Studie können wir aus unseren Ergebnissen Schlussfolgerungen für alle vier Nachhaltigkeitsdimensionen ableiten. Der Aufruf zum Handeln, um den Klimawandel abzuschwächen und sich an ihn anzupassen, hat sich jedoch als Querschnittsthema herausgestellt, das die soziale, wirtschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit betrifft. Die Studie und andere Forschungsarbeiten haben umfassende Belege dafür gebracht, dass sich der Klimawandel zunehmend negativ auf die Bananen-, Kaffee- und Kakao-Produzent:innen auswirkt und ihre Vulnerabilität deutlich erhöht. 

Alle Akteur:innen entlang der Lieferkette, die ein dauerhaftes Geschäftsinteresse an der Beschaffung von Agrarprodukten haben, sollten dringend ihre Verantwortung ausweiten und Kooperativen und Produzent:innen bei der Umsetzung von Massnahmen zur Anpassung an den Klimawandel unterstützen. 

Die Untersuchung zeigt, dass Fairtrade eine zentrale Rolle bei der Mobilisierung von Akteur:innen und Finanzmitteln sowie bei der Sensibilisierung für die Auswirkungen des Klimawandels am Anfang der Wertschöpfungskette spielt. Es wird daher empfohlen, dass Fairtrade weiterhin die Umsetzung von Projekten zur Anpassung an den Klimawandel unterstützt und das Bewusstsein sowohl auf der Ebene der Einzelhändler als auch der Konsument:innen stärkt. Die Studie empfiehlt, proaktiv die Produkt- und Einkommensdiversifizierung ihrer Mitglieder zu unterstützen, um deren Anfälligkeit zu verringern, ihre Resilienz zu stärken und sicherzustellen, dass sie ihre landwirtschaftlichen Aktivitäten auch in Krisenzeiten fortsetzen.